Thema : Schule

Herr Vollmert, die Schule ist ein Aufgabenfeld der Kommunalpolitik. Welche Bedeutung hat für Sie die Gesamtschule in Finnentrop?

Vollmert: Ein gutes Bildungsangebot ist in einem ländlichen Raum wie Finnentrop ein wesentliches Kernstück der nachhaltigen Entwicklung der Gemeinde Finnentrop. Insofern war die Errichtung der Gesamtschule Finnentrop prinzipiell ein folgerichtiger Schritt. Und weil sie nun einmal da ist, sollten wir alles daran setzen, sie in ihrem Bestand zu festigen.

Als im Februar dieses Jahres die Anmeldezahlen keine Vierzügigkeit mehr erlaubten, haben Sie als Fraktionsvorsitzender der Freien Wähler vehement die Entscheidung zur Errichtung einer Gesamtschule kritisiert. Wie passt das zu Ihrer jetzigen Haltung?

Vollmert: Kritisiert habe ich, wie die Verwaltung seinerzeit vorgegangen ist. Zunächst sollte eine sog. „Perspektivschule“ ohne gymnasiale Oberstufe entstehen. Lennestadt klagte dagegen erfolgreich. Aus dem Hut wurde daraufhin ganz spontan die Gesamtschule gezaubert. Es fehlten die Analysen zu den Schülerzahlen. Sie müssen bedenken die Schülerinnen und Schüler, die als Zehnjährige eines Tages die Gesamtschule besuchen, werden, waren zum Zeitpunkt der Errichtung bereits geboren. Somit hätte man damals bereits sehen können, dass es schwierig wird, diese Schule standfest zu machen. Das übrigens haben Lehrerinnen und Lehrer wie auch die Schulleitungen der Haupt- und Realschule deutlich gemacht. Aber über diese Bedenken hat sich der Bürgermeister damals mit der Bemerkung hinweggesetzt: „Man darf die Frösche nicht fragen, wenn man ihren Teich austrocknen will“. Sie erinnern sich an diesen Spruch.

Wollen Sie jetzt den Teich „Gesamtschule“ austrocknen, und wie werden Sie als Bürgermeister mit den sog. Fröschen umgehen?

Vollmert: Auf keinen Fall!. Das wäre ein fatales Signal, wenn jetzt auch noch die Gesamtschule Finnentrop aufgelöst würde. Zwei gut in der Gemeinde etablierte Schulen, die Hauptschule und die Realschule, lösen sich schon auf. Nein, ich werde alles tun, um die Gesamtschule fest in der Gemeinde zu verankern. Und zu der Frage nach meinem Umgang mit Lehrerinnen und Lehrern versichere ich Ihnen, dass ich die schwere Bildungs- und Erziehungsarbeit der Lehrerinnen und Lehrer in hohem Maße würdigen werde. Eine abwertende Stellungnahme zur bildungspolitischen Beurteilungsfähigkeit der pädagogischen Fachleute werden Sie von mir nicht hören. Im Gegenteil, ich werde deren Rat suchen.

Sie sagen, dass Sie alles tun werden, die Gesamtschule fester im Gemeindeverbund zu verankern. Wie wollen Sie das tun? Sie sind doch nicht der Schulleiter.

Vollmert: Sie haben völlig recht: Ich bin nicht der Schulleiter und will dies auch gar nicht sein. Das ist in meinen Augen ein verdammt harter Job. Da begnüge ich mich schon gerne mit dem Amt des Bürgermeisters. Aber nun ernsthaft zu Ihrer Frage: Ich werde mich niemals in die inneren Angelegenheiten einer Schule einmischen. Die Verwaltung hat die kommunalpolitische Aufgabe, die äußeren Bedingungen für eine beste Bildung vor Ort bereitzustellen. Die Kommune sichert die Pflege der Gebäude, des Umfeldes und stellt Gelder für die Anschaffung von Lehr- und Lernmitteln zur Verfügung. Hier ist wieder die vertrauensvolle und intensive Zusammenarbeit mit der Schulleitung und mit den Fachkonferenzen gefragt. Ich werde in die Fachkonferenzen gehen und zuhören, um deren Wünsche und Vorstellungen zu erfahren. So kann ich viel besser verstehen und nachvollziehen, wenn die Schulleitung mit der jährlichen Budgetanforderung an mich herantritt.

Das wäre also Ihre Art der Kommunikation mit Schulleitung und Lehrerinnen und Lehrern. Aber, wie wollen Sie die Gesamtschule in ihrer Außenwirkung festigen? Sind da Ihre Möglichkeiten nicht doch sehr stark eingeschränkt?

Vollmert: Unterschätzen Sie bitte nicht die vielfältigen Möglichkeiten, die ein Bürgermeister hat. Am Anfang sprach ich darüber, wie wichtig das Bildungsangebot vor Ort für die nachhaltige Entwicklung der Gemeinde Finnentrop ist. Das gilt insbesondere für den Wirtschaftsstandort Gemeinde Finnentrop. Ein Bürgermeister kann Netzwerke bilden zwischen Schule und Unternehmen. Und darin liegt doch gerade die unverwechselbare Chance der Gesamtschule Finnentrop. Sie vertieft ihre Qualität über die enge Kooperation mit den heimischen Wirtschaftsbetrieben in Handwerk, Industrie und Dienstleistung. Als Bürgermeister werde ich im Rahmen des übergeordneten Auftrags zur Öffnung der Schule Netzwerke knüpfen. Das dient den Schülerinnen und Schülern, die nach ihrem Schulabschluss in die Berufswelt drängen, und das hilft der Wirtschaft vor Ort.

Geschieht dies denn nicht schon z. B. über Schülerpraktika?

Vollmert: Ja, natürlich. Die Praktika sind schon für Schülerinnen und Schüler geeignet, einen vertieften Einblick in die Arbeitswelt zu nehmen. Diese Erfahrungen sind schon sehr wichtig für die spätere Berufswahl.

Meine Vorstellungen von der Vernetzung der Gesamtschule mit den heimischen Betrieben gehen darüber hinaus. In unserer Gemeinde befinden sich z. B. Federnhersteller, deren Produkte auf höchstem Qualitätsniveau weltweit nachgefragt werden. Im naturwissenschaftlichen Unterricht könnte ich mir eine Projektgruppe vorstellen, die sich mit der Physik, Technik und Materialprüfung bei der Anfertigung von Federn unterrichtlich auseinandersetzt. Projektlernen dieser Art könnte doch auch zeitweise in den Unternehmen stattfinden. Und genau da kann ich als Bürgermeister behilflich sein, um die äußeren Bedingungen für außerschulisches Lernen anzubahnen. Und das können Sie auf andere Bereiche ausdehnen.

Das sind also flankierende Maßnahmen.

Vollmert: Es geht ausschließlich um die äußeren Bedingungen, die aber nach innen positiv wirken und den Qualitätsstandard der Gesamtschule unterstützen. Ob die Schule solche Projekte durchführt und wie sie diese in ihre Lehrpläne einbaut, das bleibt der Schule bzw. der Fachkonferenz vorbehalten. Die lernzielorientierte Entscheidung wird in der Schule getroffen und nicht vom Bürgermeister.

 

Im Februar begründete der jetzige Bürgermeister die geringen Anmeldezahlen an der Gesamtschule Finnentrop u. a. auch damit, dass Eltern wegen der an der Gesamtschule eingerichteten Inklusionsklassen ihre Kinder nicht in Finnentrop angemeldet hätten. Wie stehen Sie zur Inklusion?

Vollmert: An der Inklusion führt kein Weg mehr vorbei. Die Bundesrepublik Deutschland hat sich dazu verpflichtet. Darum müssen wir damit umgehen. Entscheidend ist aber, wie damit umgegangen wird. Man kann nicht einfach Schülerinnen und Schüler mit den unterschiedlichsten körperlichen und geistigen Funktionen und Fähigkeiten in einen Raum stecken und sagen: Nun macht mal schön. So kann Inklusion nicht gelingen.

Nehmen Sie die bestehenden heutigen Schulgebäude für Hauptschule, Realschule und Gesamtschule. Dort haben wir für jeden Jahrgang mindestens 6 Klassenräume. Haupt- und Realschule laufen bald aus. Die Gesamtschule ist vierzügig geplant und angesichts der Geburtenzahlen wird es dabei bleiben. Pro Jahrgang werden also zwei Klassenräume frei. Man kann das Schulzentrum leicht und mit wenig Aufwand baulich so verändern, dass eine inklusionsgerechte Schule entsteht. Liegen drei Klassenräume nebeneinander, zieht man durch den mittleren eine Trennwand und schafft zwei Gruppenräume, die von den äußeren Klassenräumen zugänglich gemacht werden. So kann man Schülerinnen und Schülern individuellere Lernräume anbieten. Entscheidend ist natürlich, dass hinreichend Lehrpersonen aus dem Förderschulbereich eingesetzt werden können. Dafür werde ich mich stark machen.

 

Nun haben wir viel über die Gesamtschule gesprochen. In Finnentrop gibt es aber auch noch Grundschulen. Um die muss sich doch auch ein Bürgermeister kümmern, oder?

Vollmert: Unbedingt, Gut, dass Sie auch die Grundschulen ansprechen. In der Vergangenheit hat es da gerade in der Gemeinde Finnentrop schon arge Bewegungen gegeben. Nehmen Sie den Ortsteil Lenhausen. Wird ein Schulstandort geschlossen, wirkt sich das auf das ganze Leben im Ort aus.. Das muss unbedingt gestoppt werden.

Der Landesentwicklungsplan NRW (LEP NRW) sieht aber doch vor, die kleineren Ortsteile unter 2000 Einwohnern nicht weiter zu entwickeln, also sterben zu lassen. Wie passt das damit zusammen, kleine Grundschulen vor Ort zu erhalten?

Vollmert: Die unbedingte Erhaltung der kleinen Grundschulen vor Ort im ländlich geprägten Raum der Gemeinde Finnentrop greift auch wieder einen wesentlichen Aspekt der nachhaltigen Entwicklung der Gemeinde Finnentrop auf. Der Bevölkerungsrückgang ist wegen der demografischen Entwicklung aber auch wesentlich über Abgänge in den Ortsteilen Fretter, Rönkhausen Lenhausen, Schönholthausen am stärksten. Diesem Problemdruck kann man ganz wesentlich über die Erhaltung einer Grundschule vor Ort begegnen. Junge Familien wollen vor Ort ihre Kinder beschulen. Andererseits suchen Unternehmen händeringend Fachkräfte von außen. Wo werden die wohnen? Die suchen sich doch Wohnräume mit ortsnahem Schulangebot. Da können wir doch die genannten Ortsteile nicht einfach aufgeben und links liegen lassen. Gerade diese Ortsteile haben doch wegen ihrer Landschaftseinbindung einen erhöhten Wohnwert. Das muss alles wieder zusammengefügt werden.

Aber wenn doch die Schülerzahlen eine Grundschule vor Ort nicht mehr garantieren?

Vollmert: Darum muss auch die Attraktivität der gesamten Gemeinde Finnentrop erhöht werden. Sie haben ja völlig recht damit, dass die Schülerzahlen knapper werden. Aber darin offenbart sich die Entwicklung in der Gemeinde Finnentrop in dem letzten Jahrzehnt oder gar noch weiter zurück. Es fehlte die nachhaltige Entwicklung, von der ich unerlässlich rede.

Wir brauchen Perspektiven auf dem Arbeitsmarkt über immer weitere Ansiedlung von Unternehmen. Wir müssen die außergewöhnlich hohe Abwanderung stoppen. Die Attraktivität der gemeindlichen Gesamtsituation gehört auf die Agenda aller politischen Gremien. Es kann doch nicht sein, dass Betriebe von Finnentrop abwandern. Mit ihnen wandern auch die Arbeitskräfte ab. Nun zurück zur Schule: Um alles dies zu erreichen benötigen wir die Perspektiven für den Bildungssektor vor Ort.

Also alle Grundschulen, wie sie derzeit bestehen, müssen Bestandschutz haben. Ich werde mich dafür einsetzen. Wie ich oben erwähnte: Stirbt die Schule, stirbt bald der ganze Ort.

Herr Vollmert wir bedanken uns für dieses Gespräch und wünschen Ihnen viel Erfolg am 13. September.

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