Projekt „Provinzialstraße“ – schönes Wort, nichts dahinter?

Bekanntlich soll 2019 die Bamenohler Straße in der Finnentroper Tallage saniert werden. Nachdem bereits im Jahr 2007 vielversprechend die „Neuordnung der Tallage“ mit der „Ansiedlung eines Frequenzbringers“ als heilbringendes Projekt angepriesen wurde, steht nun mit der vollmundigen Umschreibung „Provinzialstraße“ die nächste Versprechung an.

Hier ein Statement zu 30 Jahren Finnentroper Stadtplanung:

Finnentrop 1989 – 2018

Verelendung der Tallage

41% aller Einwohner im Stimmbezirk Finnentrop III sind laut Sitzungsvorlage für die Sitzung des HFA am 06.11.2018 Ausländer. 25% aller Einwohner kommen aus Nicht EU-Ländern. Zu diesem Stimmbezirk gehören im Wesentlichen die Bamenohler Straße, die Lennestraße, die Falbecke, Kirchstraße und andere in diesem Bereich.
Alle Bürgerinnen und Bürger der Gemeinde Finnentrop kennen diesen Bereich und wissen, dass das Umfeld in der Tallage Finnentrops die mieseste Visitenkarte der Gemeinde abgibt. Das städtebauliche Elend zeigt hier sein schreckliches Gesicht. Überquellende Mülltonnen stehen nicht nur an Abfuhrtagen, sondern täglich an den Straßen. Und dennoch sind hier die wichtigsten Dienstleistungen zu Hause. Dienstleistungen, die von sehr vielen Bürgerinnen und Bürgern frequentiert werden: Sparkasse, Ärzte, Apotheken, Physiotherapeuten, Rechtsanwälte, Versicherungsagenturen, Reisebüro, Poststelle, Caritasverband, Bahnknotenpunkt und Taxistand.
Seit mehr als 30 Jahren fehlt in der Tallage eine konzeptionell ausgerichtete Stadterneuerung. Je mehr der Ortsteil zerfiel, desto stärker folgte der Fortzug angestammter Einwohner. Immobilienwerte sanken, Menschen mit materiell geringerem Einkommen zogen nach. Es ist unumstritten: Das Ungleichgewicht der sozialen Entwicklung eines Ortes oder eines Ortsteils schlägt sich räumlich nieder. Der Untergang des örtlichen Einzelhandels ist nicht vom Himmel gefallen.

Soziale Infrastruktur

Mit dem Abriss des Bahnhofsgebäudes – völlig ohne Not – und dem Bau des Discounters auf einem Filetstück im Zentrum eines Ortes wurde die Verwahrlosung des wichtigsten öffentlichen Raumes in Finnentrop endgültig besiegelt und die Defizite der sozialen Infrastruktur verfestigt. Mit dem Verkauf des alten Postgebäudes wurde dieser Prozess verstetigt. Es ist ja unbestreitbar sinnvoll, dass wir Zuwanderung haben. Und wenn wir mit den Menschen, die auch in Zukunft zu uns kommen werden, produktiv und friedlich zusammenleben wollen, dann brauchen wir funktionierende Nachbarschaften mit und zu angestammten Bürgerinnen und Bürgern. Bei 41 % Ausländeranteil in einem eng begrenzten Quartier wird dies aber problematisch. Ein Blick auf die Bamenohler Straße in Finnentrop trübt schnell jeglichen Eindruck darüber, dass in Finnentrop Integration gelungen sei. In Ferienzeiten spielen im Hof der Moschee in Pausen viele Kinder und Jugendliche. Ausschließlich Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund. Nicht weit davon entfernt hat sich ein weiteres Begegnungszentrum für Menschen mit Migrationshintergrund entwickelt. Integration? Fehlanzeige. Der Zusammenhalt einer Gesellschaft hat wesentlich auch mit dem Zusammenhalt in unseren Ortsteilen zu tun. Das gilt ohne Abstriche auch für Finnentrop. Soziale Zusammenballungen sind da hinderlich.

Stadtqualität

Es ist die originäre Pflicht einer Kommune, dagegen zu halten. Die Reparatur der Tallage müsste ein zentrales Ziel der Stadterneuerung für Finnentrop sein. Schließlich kann und muss die kommunale Politik zum gesellschaftlichen Zusammenhalt beitragen, wenn wir nicht wollen, dass unsere Gesellschaft auseinanderfällt. Die Menschen brauchen Orte der Identifikation. Das war doch einst der zentrale Ort in der Tallage mit seiner weit über Finnentrop reichenden Geschäftswelt. Früher kaufte man aus Nachbargemeinden in Finnentrop ein. Von Bekleidung bis Schmuck. Ein ehemals prosperierendes Zentrum verödete. Um dieser weiteren Verelendung zu begegnen, müssen gezielte Projekte initiiert werden. Dazu bietet sich das ehemalige Fabrikgelände Metten an. Nicht, wie der Erste Beigeordnete der Verwaltung meint, mit Errichtung kleiner Wohneinheiten, sondern mit einer Projektierung, die „groß denkt“. Die Verwaltung gehört dorthin, mindestens der publikumsintensive Service-Bereich. In Zeiten von Internet und digitalem Telefon dürfte das kein technisches und organisatorisches Problem darstellen. In das neu zu erstellende Gebäude gehören auch Gastronomie (evtl. mit einer Dachterrasse), kleine Geschäfte für den Einzelhandel, Räume für Dienstleistungen.

Ein Blick in die Geschichte: 1989

Manchmal hilft ein Blick in die Geschichte. Liest man die „Stimme des CDU-Gemeindeverbandes Finnentrop „Im Blickpunkt“ vom September 1989, staunt man über die kreativen und weit in die Zukunft gerichteten Einsichten der damaligen CDU-Ortspolitiker. Allen voran der damalige Gemeindedirektor Ernst Vollmer und der Bürgermeister Erwin Oberkalkofen.
Im Jahre 1989 hörte Ernst Vollmer als Gemeindedirektor auf. Wahrscheinlich deshalb erscheint mir heute die o. g. Ausgabe des CDU-Gemeindeverbandes wie ein Vermächtnis. Denn man liest dort auf der Seite 7:
„Unter das Prinzip Hoffnung stellen wir die Möglichkeit, zu Lasten des Bahnhofsgeländes die Bamenohler Straße in der Tallage Finnentrops beidseitig zu bebauen…“ Sicherlich nicht mit einem Discounter. Nein, man wollte die „Problemlösung in der Tallage“. Es ging um die Wohnumfeldverbesserung, um Aufwertungsstrategien, um Stadtentwicklung. Es ging darum das zu verhindern, was sich bis heute entwickelt hat. Der Aufruf hieß: „Gemeinde Finnentrop – Heimat mit Zukunft“.
Donnerwetter, welch ein gewaltiges Ziel. Welch eine klare und eindeutige Vorstellung von Stadtentwicklung. Welch ein zukunftsgerichtetes Ansinnen. Welch eine visionäre Kraft! Beidseitige Bebauung der Tallage.
Vor welchem Hintergrund und auf welcher politischen Basis nahmen sich ehemalige Kommunalpolitiker und Verwaltung solche Projekte vor? Auch das findet sich in derselben Ausgabe.
Auf Seite 6 heißt es: „Ein „Leitfaden“ muss her, eine Richtung, die ihr „anderes Ende“ in der Zukunft hat. Ein Politiker, der nicht ein bißchen „Seher“ ist, taugt nichts; ein Politiker, der nicht, sein Ziel immer fest im Blick, flexibel ist, taugt noch weniger. Unter diesem Vorbehalt stehen alle unsere Zukunftsplanungen.“. Kommunalpolitik nach Leitlinien, so hat es Christian Vollmert in seinen Haushaltsreden immer gefordert. Doch, wo sind die „Seher“ in der CDU geblieben? Wer hat sie nach ihrem Abgang aus der Kommunalpolitik ersetzt? Mit deren „Leitfäden“ wäre die Tallage heute ein Schmuckstück.
Westfalenpost lobt Finnentrop in höchsten Tönen

Im damaligen Blickpunkt findet sich auch ein Kommentar von Gunnar Steinbach.
Dort liest man als Rückblick auf die Jahre 1963,1966 und 1982/83 mit dem Blick auf 1989:
„Finnentrop heute: der Kämmerer ein glücklicher Mann, Arbeitsplätze wie nie zuvor, eine Arbeitslosenquote, die deutlich unter dem Kreisdurchschnitt liegt und – für Stadtdirektoren in Ballungszentren unvorstellbar, kein Bürger bezieht aufgrund von Arbeitslosigkeit Sozialhilfe. Ein seltenes Ergebnis professioneller Arbeit in Rat und Verwaltung. Strukturpolitik made in Finnentrop. Imponierend.“

Mit Wut schließen

Der Blick auf das Elend in der Tallage macht mich als Bürger wütend. Die verhinderten Möglichkeiten, das Ortsbild im Sinne der CDU-Politiker des Jahres 1989 verheißungsvoll positiv zu verändern, rauben mir jegliche Hoffnung, dass dieser Zustand eines 30-jährigen Verfalls sich je ändert. Ein notwendiger Kommentar zur heutigen Situation in der Tallage Finnentrops ist überfällig. Er würde wohl übertitelt: Gestern standen wir am Abgrund, heute sind wir schon einen Schritt weiter.

Übrigens

Dieser „Blickpunkt“ von 1989 wurde verfasst von Alois Reker. Die Artikel wurden in sauerländischer Mundart übertitelt. Das Deckblatt befasst sich ausschließlich mit der trauten Heimat.
Auszüge daraus:
„Heimat – das ist heute mit gestiegener Bedeutung auch unsere natürliche Umwelt, die von Zerstörung bedroht ist.
Heimat – das ist hier und heute unser Sauerland, unsere buckelige kleine Welt „ganz am Rande“, oft geneidet von den Menschen aus der vermeintlich „großen“ Welt.
Für unsere Heimat – bewahren und erhalten, was erhaltenswert ist.
Für unsere Heimat – gestalten, was aus „Altem“ und „Neuem“ zu einer Ganzheit zusammenwachsen muß, damit wir unseren Kindern eine Heimat hinterlassen, die diesen Namen auch verdient.“
Alois Reker wird sich angesichts der Windkraft an seine Worte von einst erinnern.

Clemens Bernemann